Das Dorf - Kapitel 2

Aktualisiert: Mai 26

Liam


Ich war sechs oder sieben Jahre alt, genau kann ich mich nicht mehr erinnern, da fiel ich von einem Baum. Die Schmerzen, dass hingegen weiß ich noch sehr genau, waren unerträglich gewesen und ich schrie und tobte, sodass meine Mutter vor Sorge und Kummer bald mehr weinte als ich. Mein Vater hatte daneben gestanden und mich nur angesehen. In seinen Augen lag ein seltsamer Ausdruck der Freude, und das traf mich zutiefst. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, weiß ich, dass es Erregung war, die ihn so starren ließ.


***


Als ich fünfzehn Jahre alt war, nahm mich mein Vater mit zu dem Beobachtungsposten, den er zweimal täglich, morgens und nachmittags, aufsuchte, seit ich denken kann. Wir saßen dort auf einer Anhöhe zwischen Ästen, Blättern und unter mit Moos bewachsenen Schindeln und starrten ins Nichts. So kam es mir jedenfalls vor. Als die Sonne aufgegangen war, zogen die ersten verirrten Wanderer an uns vorbei. Die meisten von ihnen waren auf dem schmalen, glitschigen Pfad sicher unterwegs. Hin und wieder stockte mir der Atem, als einer abzustürzen drohte. Für gewöhnlich schafften sie es dann aber doch, sich an dem dünnen Seil, das entlang der Felswand gespannt war, festzuhalten.

»Warum sitzen wir hier?«, hatte ich gefragt. Mir war langweilig und ich wollte nach Hause.

»Warte es ab. Du musst Geduld haben. Der Lohn ist immer den Geduldigen, mein Sohn«, hatte er gesagt und dann weiter durch die schmalen Schlitze in unserem Verschlag gestarrt. Also saß ich da, Stunde um Stunde und langweilte mich. Ich glaube, es war kurz vor der Mittagszeit, möglicherweise halb zwölf oder zwölf, die Sonne stand jedenfalls hoch am Himmel, als ich beinahe alles ruiniert hätte.


***


Ein älterer, klein gewachsener Mann mit grauen Haaren und Schuhen, die für die Arbeit auf dem Feld aber keinesfalls für diesen Aufstieg von Nutzen waren, kam den schmalen Pfad nach oben in unsere Richtung. Er hatte einen Stock in der einen und etwas Glänzendes, Durchsichtiges in der anderen Hand. Er schien Wasser daraus zu trinken, aber das kam mir seltsam vor. Kurz bevor er unseren Beobachtungsposten passierte, stolperte er über eine aus dem Boden stehende Wurzel und geriet ins Straucheln. Er ließ das glänzende Ding fallen, versuchte, das Seil zu packen, verfehlte es und trat mit dem rechten Fuß über den Weg ins Leere. Dann fiel er. Ich schrak nach oben, stieß mit dem Kopf gegen das Dach unseres Verschlags und hätte es um ein Haar durchstoßen. Mein Vater packte mich am Arm, zischte »Sei ruhig, komm wieder nach unten!«, und zog mich mit einem kräftigen Ruck auf den Waldboden zurück.

»Der Mann ist in die Schlucht gefallen, wir müssen ihm helfen!«, presste ich zwischen meinen Lippen hervor.

»Nein, müssen wir nicht, mein Sohn. Schau ihn dir genau an, los! Sieh nach unten, beobachte und lerne.«

»Was soll ich denn beobachten? Und was soll ich lernen?«

Meine Stimme zitterte und die Worte brachen am Ende in heißere Laute ab. Ich war verzweifelt. 30 Meter unter unseren Füßen lag ein verletzter Mann und wir saßen hier und sahen dabei zu, wie er starb. Tränen füllten meine Augen. Ich wollte das nicht sehen, aber mein Vater zwang mich, hinzusehen. Und zu lernen.


***


Da erkannte ich diesen Blick erneut. Die Erregung in seinen Augen, das zarte Lächeln, das seine Lippen umspielte. Die kleinen Fältchen an den Außenseiten der Augen, die man nur dann bekommt, wenn das Lachen nicht vorgetäuscht ist. Ich bekam es mit der Angst zu tun, mein Herz klopfte so laut in der Brust, dass ich fürchtete, mein Vater könnte es hören und mich sogleich wieder zur Ruhe ermahnen. Aber er beachtete mich gar nicht, sondern starrte weiter mit diesem irren Blick in den Abgrund.

»Sieh hin! Sieh zu, wie das Leben aus diesem Menschen weicht. Ich will, dass du dir das genau ansiehst!«

Ich wollte es nicht sehen, aber ich hatte keine Wahl. Der Mann bewegte sich kaum. Sein Bein bog sich in einem unnatürlich aussehenden Winkel unterhalb des Knies in eine Richtung, die die menschliche Anatomie dafür niemals vorgesehen hatte. Ich konnte seine Augen nicht erkennen, dafür war er zu weit entfernt, aber den Schmerz in seinem Gesicht sah ich deutlich. Eine verzerrte Fratze, stumme Schreie eines Todgeweihten. Dann brüllte er, so laut, dass ich mir sicher war, seine Stimmbänder müssten jeden Moment reißen. Er hatte Angst davor, alleine zu sterben. Angst davor, überhaupt zu sterben. Wenn nicht schnell Hilfe kommen würde, gab es keine Hoffnung. Mit dem L-förmigen Bein konnte er unmöglich den steilen Abhang hinaufklettern.


So hockten wir da, stumm und unsere Blicke auf den Sterbenden gerichtet. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so dagesessen hatten, bis das Leben schließlich aus diesem armen Tropf gewichen war, aber es erscheint mir noch heute eine Ewigkeit gewesen zu sein. Ich hatte, das weiß ich noch, gehofft, dass ein anderer Wanderer vorbeikommen und ihn entdecken würde. Aber es kam niemand.


***


Etwas in mir starb, als wir in dem Verschlag saßen und beobachteten und lernten. Damals konnte ich das nicht recht einordnen, ich kam mir leer und verloren vor. Heute weiß ich, was passiert war. Und warum ich geworden bin, wer ich bin. An diesem Tag sahen wir keine weiteren Wanderer abstürzen, aber in den folgenden Wochen und Monaten waren es unzählige. Mein Vater genoss jeden Einzelnen davon, mich durchströmte jedes Mal eine Welle der Traurigkeit. Die Leere in mir wurde größer und verschlang mehr und mehr meines Wesens. Bis heute kann ich es nicht ertragen, Menschen sterben zu sehen, auch wenn es in den letzten Jahren unzählige waren. Ich konnte nie den Genuss und die Erregung empfinden, die mein Vater dabei auch heute noch verspürt. Aber ich verstehe jetzt, warum er das getan hat. Warum ich das mit ansehen musste, immer und immer wieder. Er wollte mich vorbereiten, ich sollte zusehen und lernen. Lernen, damit zu leben. Es zu ertragen. Ich weiß nicht, ob er damit Erfolg hatte, aber ich werde es bald herausfinden müssen.


In zwölf Tagen muss ich meinen Vater töten, und er hat mich so gut darauf vorbereitet, wie er eben konnte.

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