Das Dorf - Kapitel 1

Aktualisiert: Mai 26


Kian


Die Berge üben eine ganz besondere Faszination auf Menschen aus. Ich habe nie verstanden, warum das so ist. Sie stapfen nach oben, keuchen dabei wie alte Motoren, erfreuen sich einen Augenblick oder zwei an dem wunderbaren Ausblick und treten dann den Weg nach unten an. Weniger keuchend, dafür jammernd, dass die Knie und die Schienbeine schmerzen.

Seit ich denken kann, lebe ich in den Bergen, was vermutlich meiner Abneigung gegen das ständige Auf und Ab zuträglich war. Einen Gipfel zu erklimmen, um wie ein Tourist in das Tal zu blicken, begleitet von »Oooh’s« und »Aaah’s«, kommt mir dumm und albern vor, seit ich etwa zwölf Jahre alt bin. Aber die Menschenmassen, die jedes Jahr durch unsere Wälder trampeln, scheinen sich unkontrolliert zu vermehren. Sie werden größer und größer, rücksichtsloser und leichtsinniger.


***

Unsere Berge sind gefährlich. Kein Ort für Leichtsinn und Übermut. Ich habe viele törichte Wanderer sterben sehen. Die angenehmste Art, zu Tode zu kommen, ist dabei sicher der Sturz in die Schlucht, die so tief ist, dass man den eigentlichen Aufprall vermutlich gar nicht mitbekommt. Aber die meisten von ihnen rutschen einen Abhang nach unten, brechen sich ein Bein oder einen Arm, kommen nicht mehr vom Fleck und verdursten. Oder sterben einen langsamen, qualvollen Tod durch innere Blutungen.

Wenn ich unser Dorf verlasse, ein Dorf, von dem noch nie ein Mensch gehört hat, um mich in meinen Beobachtungsposten zu begeben, schließe ich mit mir selbst Wetten ab, wie viele heute sterben, oder, wenn mir nicht so viel Vergnügen vergönnt sein sollte, sich schwer verletzen werden. Meistens staple ich zu tief. Ich bin ein Pessimist. Das war ich schon, als ich noch ein Kind war, hatte mein Vater gesagt. Aber die Welt ist ein schlechter Ort und überall lauert der Tod. Ich habe ihn gesehen, glauben Sie mir. Viele Male habe ich ihn gesehen, und es hat mir immer großes Vergnügen bereitet. Den Menschen beim Sterben zuzusehen, übt eine beruhigende Wirkung auf mich aus. Es verschafft mir eine seltsame Art der Befriedigung, wie es der Liebesakt niemals zu tun vermocht hatte. Als meine Frau starb, einer der seltenen natürlichen Tode in unserem Dorf, verspürte ich eine gewisse Trauer, aber nicht so, wie man es von einem Mann wohl erwarten würde, der mehr als vierzig Jahre glücklich verheiratet war. Es war mehr die Trauer darüber, dass meine Frau nicht dem vorgegebenen Lauf unseres Dorfes folgte, sondern plötzlich und unerwartet krank wurde und kurz darauf aus dem Leben schied. Als ich sie aufgebahrt habe liegen sehen, in ihrem weißen Kleid aus Leinen, mit nackten Füßen und geflochtenem, blonden Haar, war Erregung schnell wieder das vorherrschende Gefühl in meinem Geist. Wie Sie sich sicher denken können, war der Grund dafür nicht ihre immer noch makellose Schönheit.

Sie halten mich jetzt sicher für ein Monster. Aber ich kann Ihnen versichern, wenn Sie dort aufgewachsen wären, wo ich aufgewachsen bin, würden Sie mich verstehen. Im Laufe dieser Geschichte, die wir Ihnen jetzt erzählen, werden Sie mich verstehen. Vertrauen Sie mir? Ja? Das ist ein Fehler. Aber glauben dürfen Sie mir ruhig.


***

Kommen wir auf den Tod zurück.

Auf die Unfälle, die zersplitterten Knochen, das Leid und den Schmerz. Ich genieße das, auch heute noch, obwohl ich schon ein alter Mann bin. Wie gesagt, es hat mir immer großes Vergnügen bereitet, den Menschen beim Sterben zuzusehen. Aus meinem sicheren Versteck heraus zu beobachten, wie sie sich winden, quälen und schreien. Die meisten von ihnen schreien so lange, bis ihnen die Stimme versagt. Arme Hunde. Dabei war ich nie mehr als zwanzig oder dreißig Meter von ihnen entfernt. Aber das wussten sie natürlich nicht, ich hielt mich bedeckt. »Beobachte und lerne«, hat mein Vater immer gesagt. Das habe ich getan, mehr als 60 Jahre lang.


***

Heute bin ich alt, meine Haare sind voll aber schneeweiß, tiefe Falten furchen sich durch mein von der Sonne ausgemergeltes Gesicht. Ich bin bereit zu sterben, dem Lauf unseres Dorfes zu folgen, mich meinem Schicksal zu ergeben. Außerhalb unserer Gemeinschaft würde das sicher kaum jemand verstehen oder gar gut heißen. Der Tod ist in den meisten Gesellschaften etwas Schreckliches, verbunden mit Trauer und Wut, Hilflosigkeit und endgültig. Das beschreibt ziemlich genau die Phase unseres Dorflebens, die wir damit zubringen, uns auf den Tod vorzubereiten. Ich würde nicht so weit gehen, das Sterben als Erlösung zu bezeichnen, ganz bestimmt nicht. Erlösung ist nicht, was wir anstreben. Freiheit ist es, die wir suchen und, davon sind wir zutiefst überzeugt, im Tod finden.

Sie stimmen mir nicht zu? Das ist ihr gutes Recht. Aber denken Sie mal darüber nach, was Freiheit bedeutet. Was ist es, dass Freiheit für Sie definiert? Die Freiheit, jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen? Die Freiheit, sich in gesellschaftlichen Normen zu bewegen? Grenzen zu setzen, einzuhalten und durchzusetzen? Ist das Freiheit? Sind Sie frei in Ihren Entscheidungen, in Ihrem Leben? Denken Sie darüber nach, vielleicht finden wir ja noch einmal die Gelegenheit, uns über Freiheit zu unterhalten. Ich lade Sie ein, sich mit mir ans Feuer zu setzen, dem Wind zu lauschen, wenn er durch die Baumwipfel streicht, den Wölfen, wenn sie in die Berge heulen, dem Knistern des Feuers, dem Lachen der Kinder, dem Geschnatter unserer Frauen. Wenn Sie es einrichten können, aus Ihrem Alltag auszubrechen, für ein paar Stunden, setzen Sie sich zu mir. Uns bleiben noch zwölf Tage. In genau zwölf Tagen werde ich durch die Hand meines Sohnes sterben, denken Sie also nicht zu lange darüber nach.

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