Das Dorf - Kapitel 6

Aufbruch

Die Nachricht von Marias Geburt hatte sich schnell herumgesprochen und hektisches Treiben im Dorf ausgelöst. Die jüngeren Männer begannen damit, den Scheiterhaufen aufzustapeln. Sie trieben die Pferde mit den vorgespannten Wagen in den Wald, schlugen Holz und sammelten dürre, trockene Äste, um das Feuer zu entzünden. Unterdessen schlugen ein paar andere den Pfahl in der Mitte des Dorfplatzes in den Boden und zimmerten aus einigen Brettern ein Podest, auf dem der Älteste später stehen würde. Tische und Bänke wurden um den Schauplatz herum aufgestellt, Wein- und Bierfässer herbeigerollt und die umstehenden Hütten mit Blumen geschmückt. Die Frauen deckten Tische ein, die zu langen Tafeln aneinandergestellt waren. Essen wurde zubereitet, so viel, dass man noch mindestens fünf weitere Dörfer hätte satt bekommen können. Nichts sollte fehlen, nichts wurde dem Zufall überlassen. Jeder Bewohner und jede Bewohnerin hatte eine Aufgabe und erledigte diese gewissenhaft. Auch die Kinder halfen mit, trugen Geschirr und Krüge von einem Fleck zum anderen, wurden umhergeschickt und lachten und tanzen dabei, als wäre es der schönste Tag ihres Lebens.

Der Medizinmann hatte sich noch nie zuvor geirrt, daher war niemand im Dorf darauf vorbereitet, das Ritual heute stattfinden zu lassen. Es musste noch jede Menge organisiert werden, ehe Kian am späten Nachmittag an den Pfahl gebunden werden konnte.

Kian saß in seiner Hütte, seine Rede lag vor ihm auf dem Tisch. Er versuchte, sie ein letztes Mal zu lesen, vielleicht noch die ein oder andere Feinheit zu korrigieren, aber die Konzentration darauf wollte sich nicht einstellen. Seine Gedanken kreisten zwischen seinem Sohn, dem Ritual, Ceara und ihrem Baby. Die Aufgabe, die er Liam gestellt hatte, war klar und eindeutig formuliert. Er hatte keine andere Möglichkeit gesehen. Nur zu gerne hätte er sie seinem Sohn abgenommen, aber der Älteste konnte unmöglich am Tag des Rituals für ein paar Stunden das Dorf verlassen, ohne Aufsehen zu erregen. Von ihm wurde erwartet, dass er sich zur Mittagszeit auf dem Dorfplatz einfände, tanzte und Wein trank, bis sein Sohn ihn holen und an den Pfahl binden würde. Ihm blieben also weniger als zwei Stunden, und er war sich nicht sicher, ob Liam der Herausforderung gewachsen war.

Liam ging hinter seiner Hütte auf und ab, im Schatten des angrenzenden Waldes, und versuchte, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Was sein Vater von ihm verlangte, schien ihm unmöglich zu sein. Wie konnte er nur so eine Bitte äußern? War es nicht genug, dass er seinen Vater umbringen musste? Reichte das nicht aus? Was hatte er mit Ceara und dem Baby zu schaffen? Und wie, um alles in der Welt, sollte er die Zwei umbringen und dann noch Ersatz beschaffen, ohne das jemand davon etwas mitbekommen würde? Wie stellte sein Vater sich das vor? Wut kochte in ihm hoch und mit ihr Magensäure, die ihm die Speiseröhre verätzte.

Vom Dorfplatz drangen Geräusche herüber, gedämpft, aber er wusste, was sich dort abspielte. Bald würden die Feierlichkeiten beginnen und in ein paar Stunden musste er seinen Vater zum Scheiterhaufen führen, festbinden und am Ende der Zeremonie das Holz entzünden. Kälte strömte durch seinen Körper und die Härchen an den Armen und im Nacken stellten sich auf. Zur übersäuerten Speiseröhre gesellten sich Übelkeit und Kopfschmerzen, der Wein, den er heute schon großzügig genossen hatte, tat sein Übriges. Er musste sich auf den Weg machen, die Zeit war knapp bemessen, ohnehin zu wenig, davon war er überzeugt. Aber seine Beine trugen ihn nur auf und ab, auf und ab. Immer wieder dachte er an die Einhunderteins und daran, was passieren würde, wenn morgen die Sonne aufginge und Ceara und ihr Baby noch am Leben wären. Schreckliche Dinge werden passieren, hatte sein Vater gesagt. Die Natur wird sich mit all ihrer Macht gegen uns stellen. Aber stimmte das? War das nicht nur ein dummer, alter Aberglaube? Und überhaupt, sein Vater hatte es selbst gesagt, Ceara war nicht hier geboren worden. Wie konnte sie also zu den Einhunderteins zählen? Sollte er das Risiko eingehen, es darauf ankommen lassen? Die Kopfschmerzen wurden schlimmer, das Sodbrennen auch und er blieb, gegen die Hauswand gelehnt, stehen. Dann schrie er, so laut er konnte, schrie sich den Schmerz von der Seele, die Enttäuschung über seinen Vater, die Aufgabe, die vor ihm lag, und derer er sich nicht gewachsen fühlte. Er ballte die Fäuste und schlug mit der Rechten gegen das Holz. Augenblicklich fraß sich der Schmerz vom Handgelenk durch den Arm bis hinauf in seinen Kopf. Eine Explosion donnerte in seinem Schädel, weiße Punkte tanzten vor seinen Augen und er erbrach einen gelb-grünlichen Schwall aus Magensäure und Wein. Dann sackte er auf die Knie und weinte. Zum zweiten Mal an diesem Tag.

Ceara lag mit dem Baby im Arm auf ihrem Bett, starrte an die Decke und dachte nach. Ein Problem, mit dem sie sich bisher nicht auseinandergesetzt hatte, beschäftigte sie jetzt, da das ganze Dorf mit den Vorbereitungen für das Ritual beschäftigt war. Wohin mit ihrem Kind? Man würde von ihr erwarten, an den Feierlichkeiten teilzunehmen, schließlich kannten Kian und sie sich, seit sie fünf Jahre alt war. Die Leute würden Fragen stellen, sollte sie nicht auf dem Dorfplatz erscheinen. Aber sie konnte ihr kleines Mädchen nicht alleine lassen. Traurigkeit erfasste ihr Herz. Wie gerne würde sie die Freude eines neuen Lebens mit der Gemeinschaft teilen, ihr Kind herumreichen, mögliche Namen diskutieren, ausgelassen feiern und tanzen und Kians Abschiedsrede lauschen. Was, wenn ich einfach verschwinde, dachte sie. Ich bin nicht hier geboren, also zähle ich vermutlich ohnehin nicht zu den Einhunderteins. Aber was, wenn doch? Kian hatte immer wieder betont, wie wichtig diese Zahl, die Konstante, ist. Schreckliche Dinge würden passieren, dessen war er sich sicher. Was kann schon geschehen? Ihr Baby gluckste, schloss und öffnete den Mund wie ein Fisch an Land. Sie entblöße ihre rechte Brust und lege das Kleine an. Mütter haben ein natürliches Talent, anders konnte sich nicht erklären, wie sie, ohne dass es ihr jemand gezeigt hätte, direkt nach der Geburt in der Lage war, ihr Kind zu stillen. Das Mädchen trank und Ceara seufzte. Sie wollte keine Entscheidung treffen, wollte das Dorf nicht verlassen, wusste aber, dass sie auch nicht bleiben konnte. Alles würde durcheinandergeraten, die Ordnung wäre gestört, die Einhunderteins gebrochen. Und wenn ich nur das Baby weggebe? Ein paar Kilometer weiter lag Killarney, ihre Heimatstadt. Der Ort war klein, aber es gab ein Krankenhaus. Mit nur wenigen Betten zwar, aber dort würde man sich sicher um ihr Kind kümmern können. Sie müsste es nur vor der Türe ablegen und verschwinden, schnell und heimlich. Ich kann mein Kind unmöglich hergeben, dachte sie und schloss es unbewusst fester in die Arme.

Dann durchfuhr sie ein Gedanke wie eine Gerölllawine. Was, wenn Kian unser Kind tötet? Er hat keine Skrupel gehabt, Menschen beim Sterben zuzusehen. Soweit sie wusste, hatte er vor einigen Jahren einen verirrten Wanderer erschlagen, der dem Dorf gefährlich nahegekommen war. Er wird kommen, mein Kind holen und es im Wald vergraben. Alles für die Ordnung, ihm geht es nur um den Fortbestand unserer Gemeinschaft. Dafür würde er seinen eigenen Sohn umbringen. Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Unmöglich, denk’ erst gar nicht daran! Er liebt dich, hat er immer und wird er auch noch über seinen Tod hinaus. Aber die Saat des Zweifels war gesät, und der Samen in ihrem Kopf wurde von Minute zu Minute größer und stärker. Tränen füllten ihre Augen, sie blinzelte, eine schwappte über und lief die Wange ein Stück herab, ehe sie kurz unterhalb der Nase stehen blieb. Es kitzelte und sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und das Gesicht. Nein, nein! Das kann er unmöglich tun!

Als Liam sich beruhigt hatte, was man von seinem Magen nicht unbedingt behaupten konnte, hatte er einen Entschluss gefasst. Er ging in seine Hütte und packte einige Dinge in einen Jutesack. Dann füllte er seinen Krug mit Wein, Rotem dieses Mal, um seinen Magen zu beruhigen, trank ihn in einem Zug leer und machte sich auf den Weg zu Ceara. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und er hatte nicht vor, seinem Vater kurz vor dessen Tod Kummer zu bereiten.

Kian war nervös, und das lag nicht ausschließlich an dem bevorstehenden Ritual. Er war unsicher, seinem Sohn nicht doch zu viel zugemutet zu haben. Liam war schwach. Nicht körperlich, ganz und gar nicht. Darin war er schon immer einer der besten im Dorf gewesen und er hätte es mit jedem aufnehmen können, der sich ihm in den Weg gestellt hätte. Aber er hatte es selten getan. Einer körperlichen Auseinandersetzung war er, wann immer möglich, aus dem Weg gegangen. Das war es, was ihn in Kians Augen schwach machte. Liam musste jetzt Stärke zeigen, beweisen, dass er dazu im Stande war, Ceara und das Baby zu töten. Ihm blieb nur wenig Zeit und Kian konnte ihm nicht beistehen.

Eine gute Prüfung. Wenn der neue Tag anbricht, werde ich ihm nie wieder beistehen können. Er versuchte, sich selbst zu beruhigen, indem er sich immer wieder sagte, dass er seinen Sohn, so gut es eben ging, darauf vorbereitet hatte. Dennoch wollte sich das unbedingte Vertrauen in Liam nicht einstellen. Er faltete das Papier, auf dem er seine Rede notiert hatte, und steckte es in die Brusttasche seines Hemdes. Aus dem Schuppen hinter seinem Haus holte er sein Jagdmesser, steckte es in seinen Gürtel und machte sich auf den Weg zu Cearas Hütte. Fest entschlossen, nichts dem Zufall zu überlassen. Das Risiko war zu groß, der Glaube an seinen Sohn zu schwach. Ich habe noch eine Stunde, dachte er, ausreichend Zeit, es zu erledigen und Liam lediglich damit zu beauftragen, die Leichen im Wald zu vergraben und für eine neue Einhunderteins zu sorgen.

Ceara hatte einen Entschluss gefasst. Sie stand auf, wickelte ihr Baby in ein Tragetuch, packte hastig ein paar Dinge in einen Jutesack und eilte zur Tür. Sie hielt mit der Klinke in der Hand inne, drehte sich um, setzte sich an den Tisch und holte Papier und eine Tintenfeder aus der Schublade. Schnell kritzelte sie ein paar Zeilen, las sie, nickte zufrieden, faltete das Blatt in der Mitte und stellte es wie ein Kartenhaus auf den Tisch. Für Kian hatte sie auf die Außenseite geschrieben. Dann machte sie sich auf den Weg.

Als Liam die Hütte betrat, schlug ihm der Geruch eines Neugeborenen entgegen.

»Ceara?« Er lauschte, in der offenen Tür stehend, bekam aber keine Antwort. Im Inneren war es kühl und dunkel, die Fensterläden waren geschlossen, dennoch drangen die Geräusche der Vorbereitungen leise herein. Er ging ins Schlafzimmer, die Laken waren zerwühlt, aber das Bett war leer.

»Ceara?« Als er sich in der Stube umsah, fiel sein Blick auf das gefaltete Papier auf dem Tisch. Er nahm Platz, griff nach dem Brief, Für Kian, und entfaltete ihn.

Kian.
Ich liebe dich, das habe ich immer, und das werde ich immer. Aber ich kann dir nicht vertrauen. Zu viele Dinge sind geschehen, zu viele Dinge habe ich gesehen. Ich glaube fest daran, dass du im Grunde deines Herzens ein guter Mensch bist, Kian. Aber die Gemeinschaft steht für dich über allem, und ich fürchte, bin davon überzeugt, dass sie auch über mir und unserer gemeinsamen Tochter steht.
Ich hoffe, ich täusche mich nicht, aber ich glaube, dass ich nicht zu den Einhunderteins zähle. Daher habe ich beschlossen, mit unserem Kind anderswo ein neues Leben zu beginnen. Bitte verzeih mir.
In ewiger Liebe
Ceara

Liam las den Brief ein zweites Mal, dann knüllte er das Blatt in seiner Faust und schlug mit ihr auf den Tisch.

»Scheiße, Ceara! Scheiße!«

Ihm blieb ohnehin wenig Zeit, zu erledigen, worum ihn sein Vater gebeten hatte, und jetzt musste er die beiden auch noch suchen. Viel Vorsprung konnten sie nicht haben, der Geruch des Babys war immer noch deutlich wahrzunehmen.

Wo bist du hin, Ceara?

Als er durch die Tür nach draußen trat, war er sich sicher, wo er die beiden finden würde. Er spannte die Trageriemen seines Jutesacks fest und marschierte los.

Kian ging ein Stück durch den Wald, um nicht über den Dorfplatz zu Cearas Haus laufen zu müssen. Er wollte unter allen Umständen verhindern, dass ihn jemand in ein Gespräch verwickeln konnte. Zeit war ein entscheidender Faktor. Kurz bevor er ihre Hütte erreichte, zog er das Jagdmesser aus dem Gürtel, kniete sich hinter einen Brombeerstrauch und sondierte die Lage. Die Fensterläden waren geschlossen, so dass Kian nicht erkennen konnte, ob Ceara im Haus war. Wo sollte sie sonst sein? Sie kann nirgendwo hin. Sie kann das Baby nicht allein lassen.

Er sprintete in gebückter Haltung zur hinteren Holzwand, drückte sich dagegen und spähte um die Ecke. Er war alleine. Cearas Unterkunft war ein gutes Stück vom Dorfplatz entfernt, das kam ihm jetzt zu Gute. Obgleich er die Geräusche der Vorbereitung hören konnte, war niemand zu sehen. Mit zwei schnellen Schritten war er um das Hauseck herum zur Tür gelangt, stieß sie auf, trat in den kühlen Wohnraum und verriegelte das Schloss. Ich kann dich nicht gehen lassen, Ceara. Liam ist zu schwach, er wird es nicht schaffen. Es tut mir leid, aber ich kann nicht. Die Stube war leer, das Schlafzimmer ebenfalls. Wo bist du, Mädchen? Wo kannst du sein? Du kannst nicht davonlaufen, nicht mit einem Baby. Mit MEINEM Baby!

Kian sah sich um. Das Haus war sauber und aufgeräumt. Ceara war immer eine gute Hausfrau gewesen und sie wäre sicher auch eine gute Mutter geworden. Nichts deutete darauf hin, dass sie fluchtartig aufgebrochen war. Wo bist du, Ceara? Du wirst doch nicht davonlaufen? Warum solltest du, schließlich ist alles in Ordnung, nicht wahr? Bei dem letzten Gedanken musste er schmunzeln. Wie töricht von ihr, anzunehmen, er könne sie am Leben lassen. Die Zukunft des Dorfes hing von ihm ab. Was spielten da eine junge Frau und ihr Baby für eine Rolle? Sie waren nicht mehr als ein Wimpernschlag in der langen Geschichte des Dorfes. Du wirst dich nicht retten können, Ceara. Dich nicht und nicht das Leben deines Babys.

Als Kian die Tür aufschloss und ins Freie trat, lief er geradewegs einem Dorfbewohner in die Arme.

»Dia duit, Kian! Wie geht’s dir? Flattern die Nerven wegen des Rituals?« Kian hatte weder Zeit noch Lust auf eine Unterhaltung, also antwortete er kurz und abgehackt.

»Nein, Nerven sind fein. Bis später, Adair.« Damit wendete er sich zum Gehen. Adair blickte verwirrt drein, schüttelte den Kopf und schob Kians Verhalten dann doch auf die Nerven. Verständlich, wer würde nicht nervös sein, wenn er in wenigen Stunden bei lebendigem Leib verbrannt würde.

Kian machte sich schnellen Schrittes auf den Weg zu Liams Haus. Er musste mit seinem Sohn sprechen, ihm davon berichten, dass Ceara vermutlich geflohen war. Warum tut sie das? Ich hatte ihr doch zu verstehen gegeben, dass ich mir etwas überlege. Warum vertraut sie mir nicht? Er wusste, warum. Natürlich. Er würde sich selbst auch nicht trauen. Noch weniger Zeit, noch mehr Probleme. Vom einen benötigte er mehr, vom anderen deutlich weniger. Jetzt musste er sich wohl oder übel auf seinen Sohn verlassen, und das bereitete ihm Kopfzerbrechen. Nach wie vor war er nicht davon überzeugt, dass Liam stark genug sein würde, aber was hatte er für eine Wahl? Vor dem Haus seines Sohnes stand Marias Mann.

»Hallo Kian. Nervös wegen heute Abend?« Warum stellt mir jeder diese Frage? Sie sollten mich doch besser kennen. »Nein, mir geht es gut. Ich muss dringend mit Liam sprechen, entschuldige mich bitte.«

»Da muss ich dich leider enttäuschen, er ist nicht da.«

Kians Laune verschlechterte sich merklich. Das darf doch nicht wahr sein! Die beiden sind doch nicht ... Nein, das würde er nicht wagen. Niemals!

»Kian, alles in Ordnung? Du siehst plötzlich so blass aus.«

Kian nickte nur und starrte dabei ins Leere. Dann hämmerte er gegen die Tür, als hätte Colin Unsinn erzählt und sein Sohn würde plötzlich dastehen.

»Weißt du, wo er hingegangen ist?«

»Nein, leider nicht. Ich wollte ihm viel Erfolg für heute Abend wünschen, aber als ich ankam, war er nicht da.«

»Danke, Colin. Bis später.«

Colin erwiderte nichts, zu überrascht war er von Kians überstürztem Aufbruch.

Liam, ich bitte dich, begehe keinen Fehler. Es hängt von dir ab, mein Sohn. Sei vernünftig!

Der Dorfplatz war vollständig geschmückt und hergerichtet, der Pfahl und das Podest standen an seinem Platz, die letzten Holzscheite wurden aufgeschichtet. Kian sah sich das Treiben eine Weile an, dann ging er in sein Haus, um sich ein letztes Mal in diesem Leben auf sein Bett zu legen und ein kurzes Nickerchen zu machen.

Liam kam zügig voran, auch wenn ihn das Unterholz immer wieder beinahe stolpern ließ. Ihm blieb nicht viel Zeit, Ceara einzuholen. Die Gemeinschaft würde ihn in zwei, spätestens drei Stunden zurückerwarten und es gab noch eine Menge zu tun. Ich hoffe, ich irre mich nicht, was ihren Plan angeht, dachte er, erhöhte das Tempo und lief weiter in den Wald. Immer Richtung Killarney.

Ceara hielt das Baby fest an sich gedrückt und bemühte sich, auf dem zerklüfteten Waldboden nicht zu fallen. Wenn sie Killarney rechtzeitig erreichen würden, könnten sie Schutz in der Kirche finden. Sie war als Kind oft dort gewesen. Der Priester war ein freundlicher Mann, aber er pflegte eine lange Mittagsruhe und, soweit sie sich erinnern konnte, schloss er in der Zeit die Pforte. Ihr blieb noch eine Stunde, möglicherweise weniger. Killarney war nicht weit entfernt, aber mit einem Baby auf dem Arm lief es sich nicht besonders schnell. Wie lange wird es wohl dauern, bis mein Verschwinden auffällt? Merkt überhaupt jemand, dass ich weg bin? Während sie darüber nachdachte, wachte ihr Kind auf und begann zu weinen. »Bitte nicht jetzt«, sagte sie. »Bitte. Wir haben es bald geschafft, bitte.« Sie flehte beinahe, aber ihre Tochter zeigte sich davon unbeeindruckt.

Liam hörte das Baby schreien. Ceara war ganz in der Nähe. Er zog die Riemen des Jutesacks noch ein wenig fester und setzte zu einem letzten Sprint an.

Ceara lehnte sich erschöpft gegen einen Baum, öffnete ihre Bluse und ließ ihre Tochter trinken. Mach schnell, dachte sie, wir müssen bald die Kirche erreichen mein Schatz!

»Du hättest nicht weglaufen sollen.«

Sie zuckte zusammen und hätte beinahe das Baby fallen lassen. Panisch riss sie die Kleine von ihrer Brust, was diese mit lautem Gebrüll quittierte, und rannte los.

»Bleib stehen, Ceara, das bringt doch nichts.« Liam lief los, wesentlich langsamer als zuvor. Nach wenigen Metern hatte er sie eingeholt und packte sie an ihren langen, roten Haaren. Sie kreischte und fiel rücklings zu Boden.

»Bitte«, schrie sie, »tu uns nichts. Ich werde keinen Ärger machen, bitte, Liam. Dein Vater ist verrückt, wenn er an die alte Legende glaubt.« Sie sah nach oben, auf dem Rücken liegend, ihr Kind fest umklammert. Er stand über ihr und löste die Riemen seines Jutesacks, ohne etwas zu erwidern. Sie kroch rückwärts, auf einen Ellbogen gestützt, aber er stellte sich auf ihren Knöchel, was es unmöglich machte, sich weiter zu bewegen und grauenhaft schmerzte.

»Liam, bitte! Was hast du vor?«

Er kramte in seinem Stoffbeutel, zog etwas hervor, dass sie nicht sofort identifizieren konnte und direkt danach ein langes Jagdmesser. Die Klinge war auf der einen Seite glatt, die andere Seite war grob gezackt. Es sah aus wie neu, die Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen fielen, reflektierten in dem polierten Edelstahl. Das perfekte Werkzeug, um Tiere zu zerkleinern. Oder einen Menschen zu töten.

»Was ... Du kannst doch nicht! Liam!« Panik umnebelte ihren Verstand, es war, als stünde Liam auf ihrem Brustkorb und nicht auf ihrem Knöchel.

»Ich muss etwas zu Ende bringen«, sagte er, dann stach er zu.


15 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Das Ritual

Kian konnte nicht schlafen. Seine Gedanken wirbelten umher wie Laub im Herbstwind. Wo war Liam? Hatte er Ceara gefunden? Würde er erledigen können, was er ihm aufgetragen hatte? Hoffnung war alles, wa

Sport & Fokus

Das Dorf - Kapitel 5

Enthüllungen Er beobachtet Ceara eine Weile, wie sie schlafend gegen die Wand gelehnt vor ihm auf dem Boden lag und dachte darüber nach, das Baby einfach mitzunehmen. Und dann? Was machst du dann? Sei