Das Dorf - Kapitel 5

Enthüllungen

Er beobachtet Ceara eine Weile, wie sie schlafend gegen die Wand gelehnt vor ihm auf dem Boden lag und dachte darüber nach, das Baby einfach mitzunehmen. Und dann? Was machst du dann? Seine Gedanken wirbelten umher wie Laub im Wind und ihm wurde schwindlig. Was hatte er getan? Wie konnte es so weit kommen?

Als er Ceara vor einigen Jahren in das Dorf geholt hatte, war das ganz sicher nicht seine Absicht gewesen. Jetzt lag sie da, mit seinem Kind im Arm. Ein Kind, von dem niemand wusste und von dem niemand erfahren durfte. Er seufzte und blies die Luft durch aufgeplusterte Wangen aus seinen Lungen. Das war eine Katastrophe und er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Das Ritual musste vor Sonnenaufgang stattfinden, andernfalls, da war es sich sicher, würde die Welt aus den Fugen geraten.

Er setzte sich neben sie auf den Boden. Beide schliefen. Sein kleines Mädchen sah ihm verblüffend ähnlich, die Vaterschaft konnte er unmöglich abstreiten.

Zählte Ceara überhaupt zu den Einhunderteins? Sie war nicht hier geboren worden. Er hatte sie rekrutiert, um die Stabilität zu wahren. Könnten sie oder ihr Kind also auslösen, was immer auch passieren würde? Sollte er es auf einen Versuch ankommen lassen? Er berührte den Kopf des Mädchens, ganz sanft zwar, aber sie wachte dennoch auf und begann zu weinen. Ceara öffnete die Augen und versuchte, ihr Kind zu beruhigen.

»Ich denke, sie hat Hunger«, sagte er und lächelte die beiden an. Ceara sagte nichts und gab der Kleinen die Brust. Während sie so dasaßen und dem Baby beim Trinken zusahen, versuchte er, sich seiner Gefühle im Klaren zu werden. Er mochte Ceara, das tat er, seit er sie nach Sneem geholt hatte. Sie war lange Zeit wie eine Tochter für ihn gewesen, bis sich eines Abends, der Wein war in dieser Nacht besonders gut gewesen, ihre Beziehung geändert hatte.

Ceara war keine Schönheit, gewiss nicht. Aber er fühlte sich von ihren weiblichen Rundungen angezogen. Ihre offene und unerschrockene Art hatte ihm imponiert und so führte vor etwas mehr als neun Monaten eines zum anderen. Dieses eine Mal, das alles verändert hatte.

»Was tun wir jetzt?«, fragte sie und sah ihm dabei direkt in die Augen.

»Wenn ich das wüsste, meine Liebe. Wenn ich das wüsste.« Er nahm ihre Hand und strich ihre viel zu kurzen und viel zu dicken Finger entlang. »Ich werde mir etwas überlegen.«

»Lass dir nicht zu viel Zeit. In ein paar Stunden geht die Sonne unter, und bevor sie erneut aufgeht, musst du eine Lösung für uns gefunden haben.« Sie sah ihn herausfordernd an, ihre Augen funkelten blau-grün, ihre Lippen waren eng zusammengepresst.

»Das weiß ich!« Es klang schroffer, als er beabsichtigt hatte und er drückte kurz ihre Hand. »Ich muss mit meinem Sohn sprechen. Auch für ihn ändert sich alles.«

Er stand schwerfällig auf, drückte sich die Arme gegen den Rücken und dehnte seinen Nacken.

Damit dreht es sich um und ließ die beiden zurück. Ceara betrachtet ihr Kind und lächelte. Am Ende würde alles gut werden, da war sie sich sicher.


***


Maria lag nicht mehr vor ihrer Hütte, die Aufregung im Dorf hatte sich gelegt und Kian beschloss, ihr einen kurzen Besuch abzustatten. Er betrat das kleine Steinhaus, im Inneren war es dunkel und stickig. Sie lag auf dem Bett und schien zu schlafen, also schlich er sich zurück auf den Dorfplatz und schlenderte zum Haus seines Sohnes, das auf der anderen Seite lag. Liam saß auf einer Holzbank, hatte einen Tonkrug in der Hand und unterhielt sich mit dem Medizinmann.

»Ich muss mit dir sprechen, es ist dringend«, unterbrach Kian die beiden und setzte sich neben seinen Sohn. Der Medizinmann nickte Liam zu, stand auf und ging. »Wir müssen unsere Unterhaltung beenden, Sohn.«

Liam trank einen Schluck und sah seinen Vater an.

»Willst du gar nicht wissen, wie es Maria geht?«

»Ich war bei ihr, sie schläft. Es scheint alles in Ordnung zu sein.«

»Wie man es nimmt.« Liam füllte Wein nach und blickte in den Krug.

»Was ist mit ihr?«

»Der Medizinmann hat sich geirrt. Sie wird ihr Baby in den nächsten zwei, drei Tagen bekommen. Das ändert alles, Vater. Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin. Eigentlich dachte ich, ich hätte noch Zeit. Ein paar Tage nur, aber die erscheinen mir jetzt wie eine Ewigkeit.«

Ein Schatten legte sich über Kiams Gesicht und ließ es sehr viel älter und grauer aussehen.

»Du hast noch sehr viel weniger Zeit, mein Sohn.«


***


Ceara, die immer noch gegen die Holzwand gelehnt auf dem Boden saß und ihr Baby fütterte, dachte an das Ritual, das heute stattfinden würde. Traurigkeit überkam sie. Insgeheim hatte sie gehofft, eine Zukunft mit ihm und ihrem gemeinsamen Kind zu haben. Das war ein törichter Gedanke, dessen war sie sich bewusst, dennoch fiel es ihr schwer, sich damit abfinden zu müssen, das Mädchen alleine großzuziehen. Du bist nicht alleine. Die Gemeinschaft wird dir helfen. Anfangs werden sie dich hassen, aber letztendlich werden sie dir helfen. Sie stand auf, drückte das Kleine gegen ihre Brust und ging mit einem Lächeln auf den Lippen zurück in ihre Hütte.


***


»Zeit ist, glaube ich, nicht mein größtes Problem, richtig?«

Liam nahm einen großen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

»Nein, wahrlich nicht. Wobei sich auch dort etwas geändert hat, womit ich bis vor einer Stunde nicht gerechnet hatte. Noch nicht. Bist du stark genug, Liam?«

Liam sagte nichts. Er hatte Angst. Angst, die falsche Frage zu stellen, dessen Antwort er nicht bereit war, zu hören.

»Liam?« Sein Vater sah ihn traurig und müde an.

»Was soll ich dir jetzt antworten? Ich weiß nicht, was du von mir erwartest, wie soll ich also wissen, ob ich stark genug sein werde?«

Kian nickte nachdenklich.

»Hör mich an, lass mich erzählen, und wenn ich fertig bin, stellst du deine Fragen.«

Er stand auf, um sich einen Krug aus Liams Hütte zu holen, füllte ihn mit Wein und setzte sich wieder neben seinen Sohn. Er konnte und wollte ihm nicht gegenüber sitzen. Dann hätte er ihm in die Augen sehen müssen und das erschien ihm im Augenblick unmöglich.

Er räusperte sich, suchte nach den richtigen Worten und begann zu reden.


***


»Als deine Mutter starb, war es meine Aufgabe, für Ersatz zu sorgen, um die Einhunderteins zu wahren. Also ging ich nach Killarney, um ein Kind zu suchen, dass ihren Platz einnehmen würde. Es war eine schwere Aufgabe und glaub mir Sohn, es ist nicht einfach, ein Kind zu entführen. Ich habe keinen Lieferwagen, in dem ich einen Menschen schnell verschwinden lassen kann. Ich war zu Fuß Unterwegs, und ich wusste, ich musste zu Fuß mit einem Kind im Gepäck zurückkehren. Killarney ist nicht weit entfernt, wie du weißt, aber ohne Gefährt ist der Weg dennoch beschwerlich.«

Kian machte eine Pause und betrachtete die Wolken, die langsam am Himmel vorüberzogen.

»Ich ging also los, mit einem Sack Kartoffeln über der Schulter, um unsere Einhunderteins zu suchen. In einem Park machte ich Rast und betrachtete das Treiben auf der Wiese. Da entdeckte ich ein kleines Mädchen, fünf oder sechs Jahre alt, schätzte ich. Sie saß alleine auf einer Schaukel und sah aus wie eines der vielen Straßenkinder, die durch die Gassen Killarneys streunen. Mein Entschluss war gefasst und ich leerte den Sack mit den Kartoffeln hinter einem dichten Strauch, um Platz für das Kind zu machen. Dann schlenderte ich langsam zu ihr hinüber, blickte mich immer wieder um und hoffte, dass ich mich nicht getäuscht hatte, was ihre Obdachlosigkeit betraf.

Ich setzte mich neben sie auf die andere Schaukel und wippte langsam vor und zurück. Nach ein oder zwei Minuten sprach sie mich an.

›Bist du nicht zu alt, um zu schaukeln?‹

Ich musste lachen, dieses Mädchen war frech, das mochte ich. Vielleicht konnte ich sie überreden, mit mir mitzukommen, ohne den Griff anwenden zu müssen.«

Der Griff, dachte Liam. Er hatte ihn erst einmal selbst angewandt, vor einigen Jahren bei einem Streit mit einem Jungen aus dem Dorf. Ein kurzer, kräftiger Druck mit zwei Fingern zwischen Schulterblatt und Hals. Wenn man die richtige Stelle erwischte, verlor der andere augenblicklich das Bewusstsein, weil die Blutzufuhr zum Gehirn abgeschnitten wird. Es hält nicht lange an und verursacht keine bleibenden Schäden, ist aber durchaus hilfreich, um sich zur Wehr zu setzen oder zu fliehen. Oder ein Kind zu entführen.

»Ich sah das Mädchen an und nickte. ›Ja, vermutlich hast du Recht‹, sagte ich. ›Darf ich trotzdem noch ein wenig hier sitzen bleiben?‹ ›Klar‹, sagte sie und stieß sich mit den Füßen vom Boden ab. So saßen wir eine ganze Weile da, ohne zu reden. Als auch nach zehn oder fünfzehn Minuten kein Erwachsener in Sichtweite war, stellte ich die eine, wichtige Frage: ›Sag mal, wo sind denn deine Eltern?‹ Sie sah mich an und zog die Mundwinkel nach unten. ›Ich habe keine Eltern mehr‹, sagte sie und ich witterte meine Chance. ›Was ist passiert?‹ ›Keine Ahnung. Irgendwann sind sie nicht mehr nach Hause gekommen und dann kam eine Frau und hat gesagt, ich muss mit ihr mitkommen. Das habe ich gemacht, aber da wo sie mich hingebracht hat, war es nicht so schön. Ein älterer Junge hat mich gefragt, ob ich mit ihm zusammen abhauen will. Und in der Nacht hat er mich dann geweckt und wir sind davongelaufen.‹ ›Und wo wohnst du jetzt?‹ ›Hier‹, sagte sie und zeigte auf ein kleines Lager am Rande des Parks. Alte, verwitterte Zelte, Kartons und Zeitungspapier waren wild zusammengewürfelt zu notdürftigen Unterkünften. Es sah traurig aus, trostlos. War es wohl auch. ›Hast du Lust, bei mir zu wohnen? In einer warmen Hütte, jeden Tag Essen, sauberes Wasser, einen Badezuber und viele andere Kinder?‹ ›Was ist ein Badezauber?‹, fragte sie und ich lachte erneut. ›Zuder, nicht Zauber‹, sagte ich und erklärte ihr, was das ist. Sie grinste verschmitzt und hopste von der Schaukel. ›Gehen wir‹, sagte sie. Das war einfach, dachte ich und wir machten uns auf den Weg. ›Musst du nicht noch ein paar Sachen holen?‹, hatte ich sie gefragt. ›Ich habe nichts‹, sagte sie und folgte mir dann fröhlich plappernd zurück nach Sneem.«

Liam hatte den halben Krug leer getrunken und lauschte der Geschichte seines Vaters. Er hatte keine Ahnung, dass dieser ein Mädchen in das Dorf gebracht hatte und fragte sich unweigerlich, wer diese Frau heute war.

»Wer ist sie? Das Mädchen, meine ich. Kenne ich sie? Warum habe ich damals nichts davon mitbekommen?«

»Hab Geduld, mein Sohn. Der Lohn ist mit den Geduldigen, das weißt du doch. Auch wenn das in diesem Fall vermutlich nicht stimmt.« Kian atmete schwer aus, dann fuhr er fort.

»Als wir im Dorf ankamen, brachte ich das Mädchen zu ihrer neuen Familie. Du warst mit deinen Freunden unterwegs und als du am Abend nach Hause kamst, war bereits alles geregelt. Die Kleine war oft bei uns, hat mit uns gegessen, du hast mit ihr gespielt. Aber ich habe ihr klar gemacht, dass es unser Geheimnis bleiben muss, woher sie kam. Ich fürchtete, sie könnte es nicht für sich behalten, aber sie konnte sehr verschwiegen sein. Kann sie heute noch.«

»Vater«, unterbrach Liam ihn. »Du redest doch nicht etwa von Ceara?« Er stellte den Krug vor sich auf den Boden und sah Kian an.

»Doch, Liam. Ich rede von Ceara. Du warst damals zwölf Jahre alt und es hat dich nicht interessiert, woher sie kam oder warum sie plötzlich da war. Du hattest nur Flausen im Kopf und warst ständig mit deinen Freunden im Wald oder auf den Feldern.«

»Aber das hätte ich ganz sicher mitbekommen«, widersprach er ihm.

»Nun, hast du aber nicht, oder? Das ist eine unumstößliche Tatsache. Und so vergingen die Jahre, Ceara wurde älter und wir hatten immer noch regen Kontakt. Eines Abends, es war ihr sechzehnter Geburtstag ...«

»Das war letztes Jahr«, sagte Liam.

Sein Vater nickte. »Ja, das war vor zehn Monaten. Also, an ihrem sechzehnten Geburtstag hatten wir uns in meiner Hütte getroffen und Wein getrunken. Jede Menge Wein. Und dann, Liam, führte eines zum anderen. Es war falsch, das wusste ich damals und ich weiß es heute. Ich kann es mir nicht erklären, warum ich so schwach war. Gerne würde ich dem Alkohol die Schuld geben, aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Deine Mutter fehlte mir sehr, ich war einsam und ein Mann hat Bedürfnisse ...«

»Du hast nicht ...«

»Hör mich an!« Kian hob die Hand und bedeutet seinem Sohn, den Mund zu halten. »Wir haben beide viel getrunken, wir kannten uns seit elf Jahren und hatten eine innige Beziehung. Und so kam es, dass wir intim wurden. Nur dieses eine Mal.«

Liam stand auf und ging vor seinem Vater auf und ab, den Blick auf den Boden gerichtet, den Tonkrug in der Hand.

»Ich kann nicht glauben, was du mir hier erzählst. Das kann einfach nicht wahr sein. Mein Vater, der moralisch Erhabene, der alles und jeden immer gerichtet hat, sich überall einmischt, rechthaberisch und herrisch ist, hat eine Affäre mit einer Sechzehnjährigen!«

»Zügle deine Stimme!«, rief Kian.

»Einen Scheiß werde ich, Vater. Du hast mir nichts mehr zu sagen. Wir sind fertig miteinander. Wie konntest du das tun? Wie konntest du nur? Sie hat dir vertraut!«

»Du musst mich anhören, Liam. Ich bin noch nicht am Ende angelangt.«

»Was soll denn noch kommen? Was könnte schlimmer sein als das, was du getan hast?«

»Setz dich zu mir, Sohn. Bitte.« Er klang jetzt wieder versöhnlicher und sah seinen Sohn niedergeschlagen an. Liam blieb stehen, trank den Rest seines Weins in einem Zug leer, ließ den Krug auf die Erde fallen und funkelte seinen Vater aus zusammengekniffen Augen an.

»Gut, dann bleibe stehen, aber bitte hör mich an. Ich muss dir alles erzählen, Liam. Das ist wichtig.«

»Rede!«

»In dieser Nacht, in dieser einzigen Nacht die wir zusammen verbracht haben, ist ein Kind entstanden.« Liam starrte seinen Vater mit offenem Mund an. Er wollte etwas sagen, wollte ihn anschreien, schlagen, irgendetwas. Aber er konnte sich weder bewegen noch sprechen.

»Und dieses Kind hat heute das Licht der Welt erblickt. Verstehst du jetzt, was das Problem ist?«

Liams Verstand war durcheinander geworfen wie ein zusammengefallenes Kartenhaus, aber diese eine Sache verstand er sofort.

»Das Ritual«, sagte er nur und ließ sich kraftlos auf die Bank sinken.

»Das Ritual«, sagte Kian und legte eine Hand auf Liams Bein. »Es müsste heute stattfinden, aber ich weiß nicht, ob das wirklich notwendig ist. Und ich kann niemandem im Dorf von Ceara und ihrem Baby erzählen, Liam. Sie würden den Respekt vor mir verlieren und das Ritual, meine Rede, die Zeremonie, all das wäre wertlos.«

Sein Sohn starrte auf den Boden. Er wusste nicht, was er seinem Vater entgegen sollte.

»Liam, selbst wenn das Ritual heute stattfindet und ich das Risiko in Kauf nehme, vor der Gemeinschaft jegliches Ansehen zu verlieren, der nächste Älteste hätte niemals ausreichend Zeit, sich vorzubereiten. Maria ist kurz vor der Niederkunft und Conor und sein Sohn sind nicht bereit. Wie auch? Damit konnte schließlich niemand rechnen.«

»Du hast es gewusst«, sagte Liam, »und hast nichts unternommen.«

Kian schüttelte den Kopf. »Ich wollt es nicht wahrhaben und hatte die stille Hoffnung auf einen Ausweg, eine Idee, die sich mir in den Kopf schleicht wie eine Schlange in einen Fuchsbau.«

»Das ist töricht!«

»Rede nicht so mit mir! Ich bin noch immer dein Vater und erwarte, dass du mir den nötigen Respekt entgegenbringst.«

Liam lachte auf. »Wie soll ich jetzt noch respektvoll mit dir umgehen? Verrate mir das. Du hast Schande über unser Dorf gebracht und ...«

Gerade als Kian aufstand und seine Hand erhob, um seinem Sohn eine Ohrfeige zu geben, kam der Medizinmann zu den beiden. Er sah Kian misstrauisch an, die Hand gegenüber seinem Sohn zu erheben, sah ihm nicht ähnlich.

»Ist alles in Ordnung bei euch?«

Kian blinzelte, bemerkte, dass er immer noch den Arm in die Luft hob, ließ ihn schnell sinken und sagte: »Ja, alles in Ordnung. Geht schon wieder. Kinder, du kennst das ja. Sie bleiben immer Kinder, egal wie alt sie sind, nicht wahr?« Kians Stimme klang dünn und nervös.

»Da hast du wohl Recht, ja. Kian, ich habe wichtige Kunde. Maria hat ihr Baby bekommen. Zu früh, aber gesund. Bist du bereit?«

Liam wurde schwindlig, er ging in die Hütte und schenkte sich den Krug voll mit kaltem Wein. Kian sah den Medizinmann an, schluckte und nickte. Er wollte etwas sagen, aber es kam nur ein krächzender Laut aus seinem Mund. Der Medizinmann nickte ebenfalls und ging zurück zu Marias Hütte.

»Sohn, ich hoffe inständig, dass du die Kraft aufbringst für das, worum ich dich jetzt bitten muss.« Kian war blass und sah jetzt zehn Jahre älter aus. Dunkle Ringe leuchteten unter seinen Augen, sein Haar war stumpf und kraftlos. Er war ein alter Mann, der dem Tod gegenüberstand und mit letzter Kraft versuchte, das Dorf und die Welt zu retten. In Liams Augen stand Wasser, eine Träne quoll über und rann ihm die Wange herab. Er erinnerte sich an das Gespräch, das sie vor wenigen Stunden geführt hatten. *Du musst nicht nur mich töten, Liam*, hatte sein Vater gesagt. Alle Energie schwand aus seinen Beinen und er sackte zu Boden.

»Liam, ich weiß, es wird schwer, aber es muss sein. Andernfalls wird die Einhunderteins nicht gewahrt bleiben und schreckliche Dinge werden passieren.«

»Schreckliche Dinge SIND schon passiert«, sagte Liam und stieß heiße Luft aus seinen Lungen. »Was verlangst du, Vater?«

Kians Blick wurde hart, seine Gesichtszüge waren wie versteinert. Jegliche Menschlichkeit war aus ihm gewichen.

»Du musst, bevor die Sonne aufgeht, Ceara und ihr Baby töten und Ersatz für Ceara beschaffen. Und dann musst du das Ritual zu Ende bringen und mich verbrennen.«

Liam saß auf dem Boden und ein Schwall Tränen ergoss sich über sein Gesicht.

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