Das Dorf - Kapitel 4

Die Geburt


Es waren noch elf Tage bis zur Geburt. Maria war erschöpft und ihre roten, schulterlangen Haare hingen fettig und strähnig in ihr schneeweißes Gesicht. Ihrer makellosen Schönheit tat das keinen Abbruch. Die feinen Gesichtszüge hatte sie während der Schwangerschaft nicht verloren. Ihre Augen hatten das Grün von Gras im Frühling. Abgesehen von ihrem Bauch war sie noch immer zierlich. Dieser wölbte sich mittlerweile so sehr nach außen, dass er aussah, als würde er jeden Moment platzen. Der Medizinmann hatte den Termin vor Monaten vorausgesagt, aber Maria hatte das Gefühl, als könnte sich ihr Baby gleich schon auf den Weg machen.


Es würde ein rauschendes Fest werden, das erste in diesem Jahr, und Kian freute sich darauf. Der alte Mann bereitete sich seit Jahren auf diesen Tag vor.

Der Tod kann einschüchternd wirken, das liegt wohl in der Natur des menschlichen Geistes, aber Kian hat alles dafür getan, seinem Sohn die Angst davor zu nehmen.


Die Tötung des Ältesten folgt einem strengen Ablauf und Liam hatte diesem schon oft beigewohnt. Sobald das Baby das Licht der Welt erblickt, bleibt Liam bis zum Sonnenaufgang Zeit, um seinen Vater zu töten.

Nach der Geburt wird Kian sich reinigen und dann, in weißes Leinen gehüllt, in der Mitte des Dorfplatzes an einen Pfahl gebunden. Um ihn herum wird trockenes Holz aufgeschichtetwird trockenes Holz aufgeschichtet. Kurze Zeit später beginnt die Zeremonie, an der alle Dorfbewohner teilnehmen, tanzen und ausgelassen feiern.


Bevor die Nacht den Tag verabschiedet, erteilt Liam seinem Vater das Wort. Die letzte Rede des Ältesten hat seit jeher großes Gewicht und wird Wochen im Voraus ausgearbeitet. Kian betrachtet die Feierlichkeiten vom Scheiterhaufen herab. Er ist glücklich und zufrieden. So verlangt es der Brauch, darauf werden alle jungen Männer ihr Leben lang vorbereitet. Am Ende der Zeremonie, die Sonne beginnt aufzugehen, hält Liam einen mit Stoff umwickelten Stab ins Feuer und geht damit über den Dorfplatz zu seinem Vater.


Das trockene, ausgedörrte Holz fängt sofort Feuer und die gelb-orangen Zungen fressen sich schnell und zielstrebig nach oben zur Bahre. Funken fliegen durch die Luft, dichter Rauch nimmt Kian die Luft zum Atmen und seine Augen füllen sich mit Tränen. Sein Leiden ist unerträglich, aber kurz. Das Feuer züngelt an seinen Füßen, die Haut bildet für einen Moment große Blasen, bevor sie aufplatzt und die Luft geschwängert ist mit dem Geruch von verbranntem Fleisch.


Die Schreie des alten Mannes sind weit zu hören, doch bevor das Feuer seine Hüften erreicht, hat er damit aufgehört.


Wenn er Glück hat, erstickt er, bevor der Schmerz von brennender Haut ihm das Bewusstsein raubt. Das Feuer aber lässt sich vom Tod nicht beeindrucken. Es lodert weiter, frisst ihm langsam das Fleisch von den Knochen und lässt am Ende nur einen kleinen Haufen Asche zurück. Die Bahre, der Pfahl, die Seile, das Holz und Kian sind verschwunden.


Grauer Staub, der vom Wind über Felder und Täler verteilt wird, ist der letzte Zeuge dieser Zeremonie.


In elf Tagen wird es so weit sein.


***


Ceara hatte sich hinter eine der äußeren Hütten verkrochen. Sie war eine junge, sehr dicke Frau mit dunkelroten, strohigen Haaren und weißer, sommersprossiger Haut. Die Schönheit irischer Mädchen war an ihr vorübergegangen. Niemand im Dorf hatte ihr je besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Als sie ein kleines Kind gewesen war, hatte das keine Rolle gespielt. Als junge Frau hingegen beschäftigte sie ihr Aussehen sehr. Es war Tradition, früh zu heiraten und der Gemeinschaft Kinder zu gebären. Die meisten Frauen waren nicht älter als sechzehn oder siebzehn, bevor sie ihr erstes Kind zur Welt brachten. Ceara hatte noch nie ernst gemeinte, offene, männliche Zuneigung erfahren, die Vertrautheit einer innigen Beziehung war ihr fremd und sie sehnte sich danach.

Sie saß mit dem Rücken gegen die Holzwand gelehnt auf dem Boden und mühte sich nach Kräften, nicht zu schreien. Die Schmerzen kamen in Wellen und es fiel ihr von Mal zu Mal schwerer, ihrem Mund jeglichen Ausruf zu verbieten.


***


Maria lag auf dem Bett, ihre Mutter hielt ihre Hand und presste ihr mit der anderen ein Tuch auf den Kopf, das sie zuvor in kaltes Wasser getaucht hatte.

»Du glühst, Liebes. Ich hab dir gesagt, dass du dich schonen musst. Nur ein gesunder Körper kann ein gesundes Kind zur Welt bringen.«

»Ich weiß.« Sie war genervt, die Überfürsorglichkeit ihrer Mutter ging ihr gegen den Strich. »Es geht mir gut, wirklich. Ich glaube nur, dass das Baby bald auf die Welt gebracht werden will, dass ...«

»Red’ nicht so einen Unsinn! Der Medizinmann irrt nie. Niemals. Er hat sich noch nie geirrt, er wird sich nie irren. Und er wird bei dir keine Ausnahme machen. Du hast noch elf Tage, daran ist nicht zu rütteln.«

Maria drehte den Kopf zur Seite und starrte gegen die karge Holzwand. Sie entzog ihre Hand der ihrer Mutter und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ich versuche zu schlafen.«

»Mach das, ich sehe später wieder nach dir.«

Damit verließ sie ihre Hütte und kurze Zeit später war Maria eingeschlafen.


***


»Hör mich an Liam, das ist wirklich wichtig. Der Zeitpunkt ist nah, und wir haben noch viel zu besprechen.«

Liam saß seinem Vater auf einer schmalen, wackeligen Bank gegenüber. Beide hatten einen mit Wein gefüllten Tonkrug vor sich stehen.


Kian war der beste Weinbauer des Dorfes. Jedes Jahr brachte er zuverlässig die schmackhaftesten Trauben zustande, stampfte sie mit den Füßen in großen, schweren Holzfässern und ließ dem Wein die Zeit, die er benötigte, um gut zu werden. Mal waren es wenige Monate, mal mehrere Jahre. Er hatte keine Eile, die hat niemand in ihrer Gemeinschaft. Es gibt keine Termine, keine Besprechungen, keine wichtigen Dinge außer dem Bestellen der Felder und der Ernte. Jeder hilft jedem, jedem gehört alles. Das war schon immer so, seit sie vor mehr als fünfhundert Jahren in dieses abgelegene Stückchen Welt in den Bergen Irlands umgesiedelt waren.


»Ich höre dich an, Vater. Zum wiederholten Male. Du hast mir alles schon erzählt, immer und immer wieder, seit ich ein kleiner Junge war.«

Kian nickte und strich sich mit der Hand durch den grauen, dichten Bart.

»Du hast recht.« Er nahm einen großen Schluck aus seinem Krug. »Aber nicht alles. Das Fortbestehen unserer Gemeinschaft hängt davon ab, dass ich dir alles erzähle. Du musst tun, was ich dir sage, und du darfst keinen Fehler machen. Ich werde, festgebunden an einen Pfahl, wenig ausrichten können, solltest du versagen. Also hör’ mich an.«

Liam hob seinen Krug, prostete seinem Vater zu und nickte.

»Werde ich. Sag mir, was ich zu tun habe.«


***


Schmerz fraß sich durch Cearas Unterleib bis hinauf zur Kehle, aus der immer noch kein Laut hervordringend durfte. Sie drückte den Rücken gegen die Holzwand und presste eine Hand auf ihren Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der sich auf dem Weg nach oben befand.

Sie krümmte ihre Füße, die Zehen so weit es ging Richtung Kopf, um den Krämpfen in den Beinen entgegenzuwirken. Ohne Erfolg. Sosehr sie sich auch bemühte, anstrengte und alle Kraft aufbot, die ihr Körper noch hatte, konnte sie nicht länger an sich halten und stieß einen Schrei aus, der so durchdringend war, dass selbst die Vögel aus den Baumkronen stoben.

*Ich bin verloren*, dachte Ceara, schloss die Augen und ließ geschehen, was nun unweigerlich passieren würde.


***


»Seit ich denken kann, folgt unser Dorf einem sehr alten Weg, Sohn. Einem Weg ohne Abzweigungen, ohne Ausnahmen. Ein Kind wird geboren, der Älteste muss dafür sein Leben geben. So war es immer und so sollte es immer sein, damit die Einhunderteins gewahrt bleibt.«

»Woher kommt die Einhunderteins?«, frage Liam und trank einen Schluck Wein.

»Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass es immer einhunderteins Bewohner waren, solange ich denken kann, und dass es einer Katastrophe gleichkommen würde, würde sich daran etwas ändern.«

»Was würde geschehen?«

Kian sah in die Wolken, lange und ohne weiterzuerzählen, dann trank er seinen Krug in einem Zug leer.

»Die Natur würde sich gegen uns stellen, Liam. Mit ungezügelter Gewalt und allem, was sie aufzubieten hat.«

Liam sagte nichts und rollte seinen Tonkrug zwischen den Händen hin und her. Dann nickte er, stellte den Krug ab und bat seinen Vater, weiterzusprechen.


»Es ist etwas passiert, Liam. Etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte. Es wird alles ändern. Ich brauche deine Hilfe, mein Sohn. Du musst stark sein, ich meine, außergewöhnlich stark. Weit mehr als sonst und ich erwarte mehr von dir, als je von einem Menschen in unserem Dorf erwartet worden ist. Bist du bereit dazu?«


Liam schwieg. Er wusste nicht, was er antworten sollte. Also sah er seinen Vater nur an und nickte schwach. Seit er den ersten Wanderer hatte abstürzen sehen, spürte Liam seine innere Zerrissenheit. Er war nicht stark, nicht so, wie sein Vater es von ihm erwartete. Sein ganzes Leben lang hatte er versucht, sich daran zu gewöhnen. Zu beobachten und zu lernen. Sosehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, seiner Sensibilität Herr zu werden. Sehr zum Leidwesen seines Vaters.


Kian atmete schwer ein.

»Ich habe einen Fehler gemacht. Einen schwerwiegenden Fehler. Etwas, das ich nicht wieder gut machen kann.«

Er machte eine weitere, lange Pause, in der keiner von beiden sprach. Nach einer Weile nahm Liam Kians Hand.

»Sprich weiter.«

Kian schluckte und sah seinem Sohn in die Augen. »Du musst nicht nur mich töten, Liam.«


***


Als Maria aus ihrem traumlosen Schlaf erwachte, schien ihr Fieber leicht zurückgegangen zu sein. Trotzdem hatte sie das Gefühl, jeden Moment ihr Kind zur Welt bringen zu müssen. Sie stand auf, trank einen Schluck Wasser und trat vor die Hütte auf den Dorfplatz. Geschäftiges Treiben hier und da, Kinder rannten umher und kreischten vor Freude. Frauen knüpften Tücher, Kleider und Decken, die Männer waren entweder auf dem Feld oder taten sich gütlich am Wein.

Ihr gefiel das Dorfleben, die Gemeinschaft, die Verbundenheit und das tiefe Vertrauen, dass sie alle füreinander empfanden.

Auf der anderen Seite des Dorfplatzes saßen Kian und Liam. Als sie die Hand hob, um ihnen zu winken, durchfuhr sie ein heftiger Schmerz vom Magen bis in den Rücken und sie brach zusammen wie ein wackeliger, alter Stuhl. Einen Augenblick später nahm sie ein kurzes, nicht sehr lautes ›Plopp‹ war und dann etwas Warmes, Feuchtes zwischen ihren Beinen. Dann wurde alles um sie herum schwarz.


***


»Ich ... muss ... was?« Liam war sich nicht sicher, ob er seinen Vater richtig verstanden hatte.

»Du musst nicht nur mich töten«, wiederholte er.

»Wie meinst du das? Ich verstehe nicht ...«

Kian hob die Hand zum Gruße, Liam sah sich um und entdeckte Maria auf der anderen Seite des Platzes. Dann wendete er sich wieder seinem Vater zu.

»Es gibt ...«

In dem Moment sah Kian, wie Maria zusammenbrach und regungslos auf dem Boden liegen blieb. Er sprang auf und rannte zu ihr. »Liam, hol den Medizinmann!«, rief Kian, während er sich neben Maria auf die Knie fallen ließ.

»Maria! Maria, kannst du mich hören?« Kian rüttelte leicht an ihrer Schulter, sie stöhnte und öffnete langsam die Augen.

»Was ist passiert?« Sie richtete sich auf und stützte sich auf die Ellbogen.

»Ich weiß es nicht. Du bist umgefallen, mehr habe ich nicht gesehen. Der Medizinmann wird gleich da sein. Hast du Schmerzen?«

Maria sagte nichts und legte eine Hand auf ihren Bauch. Als Liam mit dem Medizinmann um die Ecke kam, ertönte ein Schrei, den in der Aufregung und der Sorge um Maria niemand zu hören schien. Aber er konnte ihn hören. Er verließ die Gruppe und ging in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.


***


Überall auf dem Boden waren Blut und Fruchtwasser. Die Schmerzen der Wehen waren kaum zu ertragen und sie presste die Hand so fest auf den Mund, dass ihre Lippen zu platzen drohten. Ihre Atmung ging schnell und flach, nicht tief genug, da war sie sich sicher. Zwischen ihren Beinen loderte ein Feuer, Krämpfe zogen sich durch ihren gesamten Körper. Sie spürte den Druck zwischen ihren Schenkeln, spürte, wie der Damm riss und der Kopf sich seinen Weg hinaus in die Welt bahnte. Mit jeder neuen Wehe schrie sie, presste mit ganzer Kraft und hoffte, es würde endlich vorbei sein. Sie presste, atmete und schrie, so gut sie es konnte, und zwanzig Minuten später hielt sie ihr Kind im Arm. Blutverschmiert und schleimig, aber am Leben und auf den ersten Blick gesund.

Sie lehnte immer noch mit dem Rücken gegen die Holzwand, aber sie war nun nicht mehr alleine. Er stand etwas abseits und sah sie an. Sein Gesicht war eingefallen und weiß wie Kalk.


»Das ist deine Tochter«, sagte sie.

Er kam langsam auf sie zu, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

»Ich weiß. Ich weiß nur nicht, was wir jetzt tun sollen.«

»Ich weiß es auch nicht«, sagte sie erschöpft und schloss die Augen. »So etwas hat es hier noch nie gegeben, oder?«

Er schüttelte den Kopf, aber sie sah es nicht mehr.


Ceara war mit dem Baby im Arm eingeschlafen.

2 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Das Dorf - Kapitel 3

Das Dorf Mein Name ist Joshua und ich erzähle Ihnen diese Geschichte. Eine Geschichte über das Dorf Sneem und die Menschen, die dort leben. Ich spiele dabei keine besondere Rolle, genau genommen komme

Das Dorf - Kapitel 2

Liam Ich war sechs oder sieben Jahre alt, genau kann ich mich nicht mehr erinnern, da fiel ich von einem Baum. Die Schmerzen, dass hingegen weiß ich noch sehr genau, waren unerträglich gewesen und ich

Das Dorf - Kapitel 1

Kian Die Berge üben eine ganz besondere Faszination auf Menschen aus. Ich habe nie verstanden, warum das so ist. Sie stapfen nach oben, keuchen dabei wie alte Motoren, erfreuen sich einen Augenblick o