Das Dorf - Kapitel 3

Das Dorf


Mein Name ist Joshua und ich erzähle Ihnen diese Geschichte. Eine Geschichte über das Dorf Sneem und die Menschen, die dort leben. Ich spiele dabei keine besondere Rolle, genau genommen komme ich darin, anders als Kian, Liam und einige andere, die Sie bald kennenlernen werden, gar nicht vor.


Stellen Sie sich vor, wir zwei, Sie und ich, sitzen mit einigen anderen zusammen am Lagerfeuer. Die Flammen knistern und knacken. Sie spüren die Wärme des Feuers durch Ihre Schuhsohlen hindurch die Beine nach oben kriechen. Funken schweben durch die Luft wie orange leuchtende Glühwürmchen. Irgendwo in der Ferne heult ein Wolf, Grillen zirpen um uns herum. Die Luft riecht nach verbranntem Holz, Wald, Wasser und Sommer.


Jemand spielt Gitarre, etwas weiter entfernt. Die Melodie weht sanft zu uns herüber, Sie trinken einen Schluck von Ihrem Bier und starren ins Feuer. Das Flackern der Flammen beruhigt Ihre Gedanken, klärt Ihren Geist. Sie schwelgen in Erinnerungen, lächeln bei dem Gedanken an Ihre Liebsten, werden wehmütig, wenn Sie an verflossene Lieben und verstorbene Verwandte und Freunde denken.


***


Als die Geschichte das erste Mal erzählt wurde, war ich noch nicht auf dieser Welt. Meine Eltern ebenso wenig. Das Dorf ist alt, und die Geschichte darüber, die seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist beinahe ebenso alt. Irgendwann werde ich sie meinen Kindern erzählen. Wenn wir überleben.


Seit jeher war die Geschichte konstant, ebenso wie die einhunderteins. Merken Sie sich diese Zahl, sie wird wichtig werden. Aber das Leben verläuft selten immer in denselben Bahnen, nicht wahr? Und so hat sich auch in dieser Geschichte etwas geändert, etwas Elementares, etwas, das so nicht vorgesehen war. Vielleicht sind Sie der letzte Mensch, dem ich sie erzählen kann.

Also los, begeben Sie sich auf die Reise. Ich werde Sie begleiten, solange ich kann. Wir werden an einem Punkt ankommen, an dem Sie alleine weitergehen müssen. In völliger Dunkelheit, daran ist leider nicht zu rütteln. Warum das so ist, werden Sie bald erfahren. Auch wenn Sie mich nicht immer sehen können, seien Sie gewiss, ich bin in Ihrer Nähe.


Gehen wir los? Hervorragend! Dann lassen Sie mich jetzt die Geschichte erzählen, bis zu dem Tag, an dem sich alles geändert hat.


***


Manche sagen, Aberglaube sei etwas Schlechtes, weil er den Menschen angst macht. Und Angst ist ein denkbar ungünstiger Berater, da werden Sie mir zustimmen. Wir Menschen ängstigen uns vor vielen Dingen: Krankheit, Einsamkeit, Tod, Verzweiflung. Ich glaube allerdings, dass Angst uns umsichtiger macht. Sie macht uns wachsam. Und Wachsamkeit ist doch nichts Schlechtes, oder? Sehen Sie.

Denken Sie jetzt an all die Menschen, die Sie in Ihrem Leben bereits verloren haben. An diejenigen, die gestorben sind, die gingen, ohne sich zu verabschieden. Beziehungen, die zu Bruch gingen und mit ihnen Ihr Herz.

Denken Sie an Ihre Kinder, Ihre Familie, Ihren Mann oder Ihre Frau. Stellen Sie sich vor, jeder Mensch, der Ihnen etwas bedeutet, verschwindet durch ein Fingerschnippen von dieser Welt. Einfach so. Und für immer. Sie stehen eines Morgens auf und sind alleine. Alles um Sie herum ist dunkel.


Und jetzt stellen Sie sich vor, das war kein Traum. Sie können nicht einfach aufwachen und alles ist so, wie es war, als Sie zu Bett gegangen sind. Sie befinden sich in Ihrer neuen Realität, in unserer neuen Welt.


Seit mehr als fünfhundert Jahren gibt es das Dorf Sneem in den Bergen. Carrantuohill ist der höchste Berg Irlands und, so glauben es die Iren, vollständig erschlossen und erforscht. Wie sehr sie sich irren.


Der Aufstieg, den Touristen meist an der Nordseite entlang Hag’s Glen über die steile und wasserführende Devil’s Ladder bestreiten, ist gefährlich. Jedes Jahr verunglücken mehr und mehr von ihnen bereits auf der bekannten Route. Ein paar wenige finden den geheimen Abzweig, der sie direkt an Sneem vorbeiführt und bei dessen Aufstieg sie von Kian aus seinem Verschlag heraus beobachtet werden. Wenn man die Devil’s Ladder schon als Herausforderung empfindet, ist dieser Aufstieg der direkte Weg in den Tod. Von zehn Menschen, die sich daran machen, den geheimen Gipfel zu erklimmen, schaffen es acht nicht bis nach oben. Den Dorfbewohnern ist das gleichgültig, selbst den Wenigen, die den Gipfel erklommen und lebend wieder nach unten gekommen sind, blieb das Dorf dank des dichten Waldes verborgen.

Sneem ist auf keiner Karte verzeichnet. Sie werden es in Ihrem Navigationssystem nicht finden und wenn Sie versuchen, es mithilfe von Google Earth zu entdecken, werden Sie nicht mehr zu sehen bekommen als Baumkronen. So dicht, dass es unmöglich ist, zu erkennen, was sich darunter befindet. Viel gäbe es ohnehin nicht zu sehen: Ein paar Holz- und Steinhütten, einen Dorfplatz mit einer großen, offenen Feuerstelle und einen Brunnen, aus dem die Bewohner seit jeher ihr Wasser beziehen. Etwas abseits, an einem Hügel gelegen, liegt ein Feld, dass jedes Jahr mit unterschiedlichen Gemüse- und Obstsorten bestellt wird.

Die Sneemer sind einfache Menschen. Sie kennen keine Technologie - nicht so, wie wir sie kennen - erleben keinen Fortschritt und halten das Feuer auch heute noch für die größte Errungenschaft der Menschheit. Sie sind glücklich, das bestimmt, aber wir würden sie als rückständig bezeichnen. Alles, wie meistens, eine Frage der Perspektive.


Sneem tötet seine Bewohner.

Es ist ein Ritual, so alt wie das Dorf selbst. Die Menschen feiern jeden Mord auf dieselbe Weise, wie sie neues Leben feiern, denn mit einer Geburt geht die Tötung des Ältesten einher. So ist es eine überlieferte Tatsache, wenn ich das so nennen darf, dass die Gemeinschaft schon immer aus einhunderteins Menschen bestanden hat. Wird ein neuer Mensch geboren, muss der älteste sterben. So war es schon immer, und so sollte es für immer sein. Jeder von ihnen ist davon überzeugt, dass die Strafe der Natur unerbittlich sein würde, sollte sich an der einhunderteins etwas ändern. Niemand verlässt die Gemeinschaft freiwillig, niemand wird aufgenommen, außer durch Geburt.


Ich weiß, was Sie jetzt denken:

Einhunderteins, schon immer, seit fünfhundert Jahren? Dann sind alle miteinander verwandt, Bruder und Schwester ...


Ja, Sie mögen recht haben, in einem Punkt ganz gewiss: Jeder in Sneem ist mit jedem verwandt. Das lässt sich nicht leugnen. Aber sind wir das nicht alle? Vor siebzigtausend Jahren war die Menschheit beinahe vollständig ausgestorben. Noch zweitausend Menschen bevölkerten unseren Planeten in kleinen Gruppen. Daraus wurden fast acht Milliarden. Also denken Sie über »verwandt sein« vielleicht noch einmal nach.


Dennoch gab es bis heute in Sneem nie auch nur ein missgebildetes oder geistig zurückgebliebenes Baby. Niemals. Es entspricht sogar der Wahrheit, dass in den letzten fünfhundert Jahren nicht ein Kind krank zur Welt kam. Es gab auch keine Fehl- oder Totgeburten. Sie finden das erstaunlich? Nun, die Dorfbewohner machen dafür die einhunderteins verantwortlich. Verstehen Sie jetzt, warum den Menschen diese Zahl so wichtig ist? Niemals ging etwas schief, nie verlief etwas nicht nach Plan.


Als aufmerksamer Zuhörer denken Sie jetzt vielleicht an Kians Frau, die eines natürlichen Todes gestorben ist, und fragen sich, wie die einhunderteins konstant bleiben kann, wenn so etwas passiert. Nun, es kommt wahrlich nicht oft vor, aber tritt dieser Fall ein, wird ein neues Dorfmitglied von außen »rekrutiert«. So kam es, dass vor einigen Jahren ein junges Mädchen in die Dorfgemeinschaft aufgenommen wurde. Niemand fragt, woher die Rekruten kommen. Alleine der Dorfälteste ist dafür verantwortlich, die einhunderteins zu wahren. Das war immer so und hätte immer so sein sollen.


Bis ein Fehler alles geändert hat.

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