15 Monate Selfpublishing. Ein Erfahrungsbericht.



Selfpublishing war für mich kein Plan B, sondern eine bewusst gewählte Option. Ich habe gern die Fäden in der Hand, folge meinem eigenen Zeitplan und liebe die Freiheit, die man als Selfpublisher hat.

Die Buchbranche ist – freundlich ausgedrückt – speziell. In den letzten Wochen und Monaten häufen sich gefühlt negative Berichte, die Stimmen der Schreibenden werden lauter. Sie werfen die berechtigte Frage auf, warum das schaffende Gewerk, das Schreiben, am Ende der Nahrungskette steht und von allen Partizipanten am wenigsten verdient. Zurecht. Ein Ausweg kann das Selfpublishing sein – dass das aber auch eine Milchmädchenrechnung sein kann, ist hinlänglich bekannt und oft diskutiert worden. Wer professionell auftreten und publizieren will, hat mitunter erhebliche Kosten vorab. Korrektorat, Lektorat, Buchsatz, Cover, Vertrieb, Marketing. Kostet alles Geld oder, wenn man es selbst macht (bei Lektorat rate ich dringend davon ab!), jede Menge Zeit.


Vorweg kann ich sagen, dass ich, obwohl ich recht viel selbst mache, noch lange nicht in den schwarzen Zahlen bin. Da Schreiben für mich mehr als ein Hobby ist (und sich zum 2. Standbein etablieren soll), ist das unbefriedigend, aber normal. Es dauert. Ob ein Verlag dabei helfen könnte – fraglich. Unbekannte Schreibende haben es auch im Verlag schwer, da für sie kaum bis kein Marketingbudget abfällt und es am Ende doch die eigene Aufgabe ist.


Wenn man das berücksichtigt, und auch die Tatsache, dass Newcomer oftmals keinen Vorschuss bekommen, ist Selfpublishing eine ernst zu nehmende Alternative. Dienstleister gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, bei den meisten kann ich mit meinen Büchern auch im stationären Handel landen. Das ist wichtig, denn selbst trotz Corona haben die Deutschen 2020 die meisten Bücher nach wie vor in Buchhandlungen und nicht etwa bei Amazon gekauft.


Bei der Wahl der Dienstleister gilt es, viel zu berücksichtigen, die eigenen Ansprüche zu prüfen und sich mit den Vor- und Nachteilen vertraut zu machen. Ich habe die letzten Monate viel experimentiert und viel Geld investiert (rund 500 Euro), um zum Beispiel von jedem Anbieter Probedrucke anzufordern (inkl. ›echten‹ Druckereien), verschiedene Cover gestaltet, Klappentexte überarbeitet, Publisher Rocket gekauft, um mit Keywords und Kategorien zu spielen, usw.


Das hier soll keine Vergleichstabelle diverserer Anbieter werden – die gibt es im Netz zuhauf, sondern ein persönlicher Erfahrungsbericht – Spoiler-Alert: noch ohne abschließendes Fazit.


Meine ersten Erfahrungen habe ich, nachdem ich glücklicherweise die ›Angebote‹ von zwei Druckkostenzuschussverlagen ausgeschlagen hatte, mit Books on Demand gemacht. Vor knapp zwei Jahren lief es da auch noch wesentlich besser als heute. Bücher wurden schnell geliefert, die Qualität war top (das ist sie auch heute noch) und der Support hat schnell geantwortet. Für ›ANGST‹ hatte ich also wieder BoD ins Auge gefasst und war alles andere als zufrieden.


Die Qualität, ich erwähnte es bereits, ist nach wie vor super. Aber die Lieferzeit ist eine bodenlose Unverschämtheit. Damals argumentierte BoD mit durch Corona bedingen Ausfällen und Lieferengpässen. Nachvollziehbar, die Pandemie hat uns alle auf die eine oder andere Weise hart getroffen. Ich frage mich dennoch, warum epubli (darauf bin ich dann ausgewichen) es trotz Corona geschafft hat, zeitnah zu liefern. Ich spreche hier nicht nur von Probedrucken – die man bei BoD ohnehin nicht bestellen kann, einzige Möglichkeit ist hier das Erstellen eines Fun-Projekts, sondern auch von Auslieferung an die Lesenden. 1 - 3 Wochen auf ein Buch zu warten – sorry, macht niemand.


Mein Fazit zu Books on Demand: nie wieder.

Abgesehen davon, dass ich mich nicht ein Jahr lang an einen Anbieter binden will, sind für mich die Lieferzeiten inakzeptabel. Noch dazu muss für jede Änderung am Buch eine Neuauflage erstellt werden, die wieder 19 Euro kostet. Ein Fun-Projekt (die einzige Möglichkeit, einen Probedruck zu bekommen), kann nicht veröffentlicht werden. Ich muss mein Buch also mit exakt denselben Daten (und das sind eine Menge!) komplett neu anlegen. Unding! Außerdem rechnet BoD die Marge quartalsmäßig ab – fand ich ebenfalls nicht cool.


Also auf zu epubli. Die Oberfläche ist sperriger als bei Books on Demand, die Abrechnungsübersicht hat lange Zeit nicht geladen und Änderungen am Buch sind auch nur möglich, wenn keine Farbabbildungen enthalten sind. Für mich kein Problem, muss man aber wissen. Dafür liefern sie super schnell, der Support ist auf Zack und immer freundlich, die Marge etwas höher als bei BoD. Zudem mache ich keinen Jahresvertrag, sondern kann immer zum Monatsende kündigen. Aber: epubli beliefert nicht alle Großhändler, sodass mein Buch beispielsweise im Autorenwelt-Shop nicht verfügbar ist. Daher flog epubli wieder raus. Sorry for that.


Dann also zu Amazon? Schließlich war es der Riese aus Seattle, der Selfpublishing erst so richtig populär und bezahlbar gemacht hat. Ein E-Book ist super einfach angelegt, der Support antwortet schnell und hilfreich, die meisten meiner Lesenden bewerten ausschließlich auf Amazon (auch wenn ich ähnlich viele Bücher über Thalia verkaufe, dazu später mehr). Mit einem Klick kann ich die Daten meines E-Books in ein Taschenbuch oder Hardcover überführen, neues Manuskript und passendes Cover hochladen, fertig. Änderungen sind jederzeit möglich, sowohl am Preis (geht bei epubli und BoD beim gedruckten Buch gar nicht mehr – du kannst also auch keine Preisaktion für dein Print-Buch anbieten) als auch am Cover oder dem Manuskript.


Ich habe auch viel mit Amazon Anzeigen gespielt, bin dazu aber wohl zu doof. Viel Geld ausgegeben, wenig Verkäufe. Die Insights haben mir aber geholfen, Keywords und Cover anzupassen. Zusammen mit Publisher Rocket habe ich jetzt eine gute Auswahl, die ›verkauft‹.

Bei Amazon kann ich mein Buch über KDP (Kindle Direct Publishing, das Portal für Selfpublisher bei Amazon; mit Abstand das hässlichste von allen, aber funktional und schnell) initial nur in zwei Kategorien einsortieren. Das ergibt wenig Sinn. Ebenfalls mit Publisher Rocket habe ich passende Kategorien herausgesucht und den Support angeschrieben – drei Stunden später war mein Buch in allen elf von mir ausgewählten Kategorien sichtbar.


Ist Amazon also der Heilige Gral? Jein. Die Verkäufe sind dort am besten, Kindle Unlimited (dafür kann man sein E-Book anmelden, Amazon will aber dann 3 Monate Exklusivität), zieht richtig. Du bekommst mein Buch für 0 Euro, ich bekomme für jede gelesene Seite ein paar Milli-Cent.


Großer Nachteil: Amazon ist Amazon. Meine Bücher gibt es dann dort – sonst nirgendwo.


Der neue Stern am (Print)-Himmel: Tolino Media.

Dort habe ich meine Bücher bereits als E-Books. Läuft super, die Plattform ist funktional und übersichtlich und der Support einsame Spitze! Das Team von Tolino Media unterstützt, wo sie können und bieten meine Bücher in verschiedenen Marketing-Aktionen einem breiten Publikum. Das zieht, aber eben ›nur‹ das. Sobald eine Aktion ausgelaufen ist, dümpeln die Verkäufe wieder so vor sich hin (während sie bei Amazon konstant bleiben). Das schlägt sich auch in den Bewertungen nieder. Bei Thalia (worüber ich die meisten Bücher, die ich über Tolino veröffentliche, verkaufe) gehen die Bewertungen gegen 0. Der Verdacht liegt nahe, dass eben ›Aktionsbücher‹ gekauft, aber unter Umständen erst mal gar nicht gelesen werden.


Trotzdem habe ich dort jetzt ein Print-Buch bestellt. Im Moment ist es noch derselbe Pain wie bei Books on Demand. Ich erstelle einen Privatdruck und wenn der passt, muss ich alles neu anlegen, um das Buch veröffentlichen zu können. Daran wird gearbeitet, hat man mir gesagt. Print ist ganz neu bei Tolino, geben wir ihnen also ein wenig Zeit. :) Wenn der Probedruck passt und die Lieferzeiten okay sind, werde ich wohl alle Bücher dorthin umziehen. Nicht, weil Amazon schlecht wäre, ganz und gar nicht. Aber ich möchte so viele Lesende wie möglich erreichen, und das schließt den stationären Handel nun mal mit ein. Ganz klar ist aber: Wenn meine Print-Bücher über Tolino nur innerhalb von einer Woche lieferbar sind, dann vielleicht ⬇️


Denkbar wäre für mich auch ein Hybrid-Modell: Amazon und Tolino Media. Der Lieferzeit wegen. Mal sehen.


Kommen wir zu Cover, Marketing, Keyword und Kategorien.

Das ist ein verdammt zähes Feld, macht euch keine Illusion.

Sowohl für ›ANGST‹ wie auch für ›Das Dorf‹ hatte ich zunächst Cover, die in meiner Bubble super ankamen. Nur: verkauft haben sie nicht. Den Satz »wenn dein Buch nicht verkauft liegt es zu 90 % am Cover« habe ich oft gelesen, selten geglaubt. Bis ich den Test gemacht habe: Beide Bücher haben neue Cover bekommen und siehe da, die Verkäufe haben sich annähernd verdoppelt.


Dasselbe konnte ich mit Keywords feststellen. Hier lohnt es sich wirklich, zu spielen und zu testen. Das ganze Thema ist eine Wissenschaft für sich und würde den Rahmen hier sprengen, aber wenn euch das Thema interessiert, schreibe ich dazu gern mal einen separaten Artikel. Haut einfach in die Kommentare, woran ihr besonderes Interesse habt.


Was ist mit NovaMD und selbst drucken? Spannende Frage, auch das habe ich erwogen und bei Booksfactory angefragt. Die Proofs waren allesamt super, qualitativ wäre das sicher die beste Option. Auch die Konditionen von NovaMD sind charmant. Aber: Ich muss in Vorleistung gehen. Eine Mindestauflage von 150 Stück benötigt Nova, ohne Garantie auf Verkauf. Klingt vielleicht nicht nach viel, sind aber trotzdem schnell 300 Euro, die dann erst mal ›rumliegen‹. Ich habe den Gedanken noch nicht gänzlich verworfen; wenn das mit Tolino nichts wird (und ›Das Dorf‹ nicht bei einem Verlag unterkommt, wonach es im Moment ein wenig aussieht), werde ich Nova testen.


Zusammenfassung, für alle, die keine Lust habe, so viel zu lesen. :)


  1. Amazon ist am unkompliziertesten (Print & E-Book) beim Prozess des Veröffentlichens. Anfänger sind dort auf jeden Fall gut beraten, wenn die Plattform nicht abschreckt.

  2. @tolino_media verkauft am besten, wenn man eine Aktion macht. Schreibt die liebe Martina einfach an (mindestens 3 Monate vor Veröffentlichung!), sie hilft euch sicher!

  3. 80 % meiner Leser lesen über Kindle Unlimited.

  4. 0 % lesen über die Tolino Onleihe.

  5. BoD geht gar nicht (mehr) – überzeugt ›nur‹ noch mit Qualität, fällt bei allem anderen aber durch.

  6. Print bei Amazon ist mittlerweile okay. Kein Vergleich zu epubli oder BoD, dafür werden meine Bücher in der Regel via Prime verschickt und sind am nächsten da – WOW!

  7. Support und Kontakt sind bei @tolino_media am nettesten und super hilfreich.

  8. Rezensionen bei Thalia: 1 - bei Amazon überwiegend von KU Lesern.


Was sind Deine Erfahrungen? Ab in die Kommentare damit!

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